Kein Platz für Elefanten?

elefanten

Aus dem: NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit
Von Herbert Cerutti

Wir haben das Loblied der wundersamen Dickhäuter gesungen, erzählt, wie sie liebevoll ihre Jungen betreuen und um die Toten trauern. Leider gibt es noch eine andere Geschichte: Der Mensch lässt den Elefanten nicht in Frieden.
Schon in den Gräbern der Etrusker gehörten Elfenbeinschnitzereien zum modischen Inventar. Die grenzenlose Renommiersucht der Römer führte gar dazu, dass Caligula seinem Lieblingspferd einen Stall aus Elfenbein schenkte. Da der Zirkus und die Armee im alten Rom Elefanten herdenweise gebrauchten, wurden die Tiere in Nordafrika und Syrien bereits im Altertum ausgerottet. Danach kam das Elfenbein jahrhundertelang fast ausschliesslich aus Indien, und heute leben nur noch etwa 40 000 asiatische Elefanten.

Die Tiere im schwer zugänglichen Innern Afrikas genossen eine Galgenfrist. Erst ab dem 18. Jahrhundert drangen Sklavenhändler immer tiefer in den Schwarzen Kontinent ein und luden den versklavten Negern auf dem Marsch zur Küste Elfenbein auf den Rücken. Dennoch schien Afrikas Elefantenreichtum lange Zeit unermesslich. Bis 1970 das grosse Schlachten einsetzte. Im Zuge politischer Wirren kamen damals viele automatische Waffen in den Schwarzen Kontinent, und marodierende Soldaten, Guerillas und Wilderer richteten ihre Gewehre auch auf Elefanten.

Ab Mitte der siebziger Jahre wurden Jahr für Jahr um die 70 000 Elefanten geschossen. Gab es 1978 im Tschad noch 15 000 Elefanten, waren wenig später nicht einmal mehr 3000 übrig. In Uganda, Kenya, Tansania und Sambia gingen ebenfalls über 80 Prozent der Bestände verloren. Die Elefantenpopulation Afrikas verringerte sich zwischen 1979 und 1989 von 1 340 000 auf 610 000. Dafür stiegen die Elfenbeinexporte aus Afrika von 200 Tonnen im Jahr 1950 auf gegen 1000 Tonnen jährlich in den Achtzigern. Gleichzeitig explodierten die Preise. Kostete ein Kilogramm 1969 noch 5,5 Dollar, wurden 1989 bis zu 150 Dollar bezahlt.

Neben den Liebhabern von Schmuck und exotischen Souvenirs waren auch Musiker am Stosszahn der Elefanten interessiert: Schotten brauchen das Material für die Gelenke am Dudelsack; Pianisten spielen am liebsten auf Tasten aus Elfenbein. In Indien und Hongkong werden Elfenbeintafeln mit pornographischen Malereien hergestellt, und in Japan ist der Hanko aus Elfenbein - das persönliche Handsiegel - noch immer allgegenwärtig.

Der Elfenbeinboom dezimierte die Elefantenbestände nicht nur, er hatte auch eine verheerende Wirkung auf die Altersstruktur der Herden. Weil Stosszähne lebenslang weiterwachsen, tragen die ältesten Tiere die grössten Exemplare. Daher sind sie die bevorzugten Opfer der Jäger und Wilderer. Früher stiess man in Afrika noch auf Prachtexemplare mit 90 Kilogramm schweren Stosszähnen, heute wiegen die grössten weniger als 50 Kilogramm. Alte Elefanten aber sind wegen ihrer Erfahrung für die Herde überlebenswichtig. Wird eine Herde angegriffen, sind es immer die Alten, die zum Angriff blasen oder die Flucht einleiten. Und wird das Wasser knapp, führt die Leitkuh ihre Schützlinge zum weit entfernten Wasserloch, wo sie vielleicht vor einem Dutzend Jahren schon einmal Rettung fand.

Erst 1989 wurde das grausame Geschäft mit dem Elfenbein gestoppt, als endlich auch der Afrikanische Elefant im Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) unter internationalen Schutz gestellt wurde. Fortan war jeglicher Handel mit einzelnen Tieren oder Teilen davon verboten. Der verbesserte Schutz liess die Bestände mancherorts bald schon wieder anwachsen. So vermehrten sich in Kenya die Elefantenherden seit 1989 um 30 Prozent.

Aber die erfolgreiche Kampagne hatte auch unerwünschte Nebeneffekte: In etlichen afrikanischen Regionen gibt es heute wieder zu viele Elefanten. Vor allem in den Tierreservaten betragen die jährlichen Zuwachsraten bis zu fünf Prozent, was für eine Population bedeutet, dass sie sich innert 14 Jahren verdoppelt. Elefanten-Übervölkerung kann verheerende ökologische Auswirkungen haben. Das zeigte sich in Kenyas Tsavo-Nationalpark, wo sich Ende der sechziger Jahre 40 000 Elefanten tummelten.

Elefanten sind schlechte Futterverwerter; sie vertilgen innert 24 Stunden bis zu 300 Kilogramm frische Pflanzen und spülen mit 140 Liter Wasser nach. Und wenn sie Lust auf die Blätter in den Baumkronen haben, reissen sie kurzerhand Bäume aus. Im Tsavo ruinierten Elefantenherden nach und nach Busch und Grasland und schälten mit den Stosszähnen schliesslich auch noch die uralten Baobab-Bäume. Während die Parkbehörden verzweifelt nach Rettungsmassnahmen suchten, brachte schliesslich die Natur selbst die Lösung: Eine grosse Dürre liess 9000 Elefanten verhungern. Allerdings gingen auch zahlreiche genügsame Nashörner zugrunde, denen die masslosen Elefanten die letzte Nahrung weggefressen hatten.

Mittlerweile hat sich in den noch immer übervölkerten Nationalparks Südafrikas und Simbabwes das Culling eingebürgert. Berufsjäger nehmen vom Helikopter aus eine Elefantenherde ins Visier und schicken mit Narkosepfeilen ein Tier nach dem andern zu Boden. Dann fahren die Kollegen am Boden zu den wehrlosen Kreaturen und jagen ihnen aus nächster Nähe eine Patrone ins Hirn. Weil Überlebende, die sich an das Massaker erinnern, zu gefährlichen Menschenhassern werden, muss beim Culling die ganze Herde umgebracht werden. 1992 wurden allein in Simbabwe 2000 Elefanten auf diese Weise umgebracht. Nur kleine Jumbos werden gelegentlich verschont und an einen Zoo verkauft, wo sie ihr Kindheitstrauma hoffentlich bald vergessen. Neuestens versucht man gelegentlich aber auch, sämtliche Tiere einer Herde zu betäuben und in elefantenarme Gebiete zu transportieren.

Elefanten werden in Parks zum Ökoproblem, weil sie nicht weiterziehen können, wenn die Ressourcen knapp werden. 80 Prozent aller Dickhäuter leben aber ausserhalb von Reservaten, wo sie zwar nicht das natürliche Gleichgewicht, aber die Interessen der Menschen stören. Im Norden Kameruns terrorisierte 1993 eine Riesenherde von 900 Elefanten monatelang mehrere Ortschaften, plünderte 1700 Hektaren Getreide und Baumwolle und stürzte über 2000 Familien in Hunger und Armut. Sobald die Elefanten in den Feldern auftauchten, versuchten die Bauern mit Stöcken und Trommeln die Tiere zu verscheuchen. Die Dickhäuter liessen sich jedoch nicht beeindrucken. Und wenn sie einen Menschen mit dem Rüssel packen konnten, warfen sie den Unglücklichen meterweit in die Luft und knackten anschliessend mit dem Fuss seinen Schädel wie eine Kokosnuss.

Ähnliche Konflikte sind in letzter Zeit in verschiedenen afrikanischen Ländern ausgebrochen. Der Grund: Die Menschen haben im Laufe der Jahrzehnte ihre Felder dort gepflanzt, wo Elefanten früher ungestört grasen konnten. Manche Felder liegen just auf den traditionellen Tierwechseln zwischen einzelnen Futtergebieten. Und weil Feuchtgebiete für den Getreideanbau trocken gelegt wurden, müssen die Elefanten jetzt weit gehen, um Wasser zu finden.

Wie man den Elefanten vom Schädling zum Nützling machen kann, zeigt Simbabwes Campfire-Programm. Die lokale Bevölkerung soll vom Wildreichtum profitieren, ohne die natürlichen Bestände langfristig zu gefährden. Ein halbes Prozent der Elefantenpopulation wird jährlich für die Grosswildjagd freigegeben. Mit den Abschussgebühren, die bis zu 12 000 Dollar pro Tier betragen, können die Gemeinden nun Schulen, Spitäler, Wasser- und Stromversorgung finanzieren. Das Fleisch der Kolosse wird an die Bevölkerung verteilt; die Elefantenhaut kommt als gesuchtes Produkt in den Lederhandel.

Auch das verfemte Elfenbein hat mittlerweile legalen Status zurückerhalten: 1997 erlaubte CITES den elefantenreichen Ländern Botswana, Namibia und Simbabwe wieder den Export in beschränkten Mengen. Und wo Elefanten mit Farmern im Krieg stehen, werden Felder eingezäunt, oder man nimmt Landumverteilungen vor und achtet darauf, dass die Tiere verlorengegangenen Lebensraum zurückerhalten.

elefanten
close